Fotografische Momente von Pathos
Bas Jan Ader (NL), Matthias Biermann (D), John Bock (D), Paweł Ksiąźeks (POL), Georgina Starr (GB), Javier Téllez (VEN)
10.09. - 10.10.2010, Eröffnung: Fr., 10.09., | 20.00 Uhr | BrotfabrikGalerie
(Re)Acting Caligari hinterfragt Momente von Pathos und Leidenschaft, die im Expressionismus ihren Höhepunkt fanden. Fünf internationale KünstlerInnen beziehen sich (in)direkt auf die vielschichtigen Phänomene Caligari, Somnambulismus und die Stummfilmästhetik. Es geht um Mimik, Gebärde und Emotion sowie den Zweifel an der Realität. Das expressionistische Pathos des Caligari-Films (1919) wird in seinen Wirkungen auf die Gegenwartskunst räumlich und sinnlich spürbar.
Während beim Video von Bas Jan Aders I'm too sad to tell you (1970) der Ausdruck der Traurigkeit dramatisch inszeniert ist, spielt die mimische Überzeichnung des Gesichts in Crying (1993) von Georgina Starr subtiler Weise mit der Frage, was real und was gespielt ist. Die Inszenierung von stillem Pathos sowie die Auseinandersetzung mit der Metaphorik des "Fallens" erfüllen Aders Arbeiten mit expressiver Poesie. Beeinflusst von der konzeptionellen und performativen Kunstszene der amerikanischen Westküste, stehen Verlust und komisches Scheitern im Zentrum seines Werks (1942 - 1975).

Georgina Starr, einst aus dem Dunstkreis der legendären "Young British Artists" hervorgegangen, arbeitet multimedial. Theda (2007 - 2010) ist eine filmische Phantasie über Theda Bara, das erste Sexsymbol der Stummfilmära. In expressiver Bildsprache, angereichert mit okkulter Symbolik des Bara-Mythos, entsteht ein exzentrisches Bild dämonisierter Erotik zwischen Rollenspiel und Identität. Film, Performance und Gesang der Sopranistin Sigune von Osten ergeben eine einmalige kongeniale Symbiose!
Siehe: www.georginastarr.com, Sigune von Osten: www.artpoint-th.com
Theda, Live-Film-Performance mit Georgina Starr und Live-Vertonung von Sigune von Osten, der "Diva der Neuen Musik"! (ehem. Stummfilmkino, 16.09., 20.00 Uhr)
Die Videoskulpturen von Matthias Biermann (I want to be bigger) spielen mit expressiven Gesten und romantischen Topoi im Format des Guckkasten-Kinos. Der Betrachter wird suggestiv hineingezogen in die aufklappbaren Boxen seiner "inneren Galerie" und erlebt das absurde Wechselspiel von Bedeutung und Größenverhältnis: eine Ausstellung in der Ausstellung - Big Screen en miniature.
Silent Utopia von Paweł Ksiąźeks ist eine vom deutschen Stummfilm inspirierte Raumcollage über den osteuropäischen Modernismus in der Architektur. Der polnische Künstler montiert Szenen aus Fritz Langs "Metropolis" mit Bildern realer Bauten prominenter Architekten der Zeit und zeigt bestehende Analogien in der Ästhetik. Durch Überlagerung beider Welten, denen ein ungebrochenes Zukunftsvertrauen gemeinsam ist, lässt er eine neue Vision einer künstlich geschaffenen Vergangenheit entstehen.
Der venezolanische Künstler Javier Téllez visualisiert mit dem Making-of seines Films Caligari und der Schlafwandler den aufwendigen Entstehungsprozess, die Arbeit mit den psychisch kranken Protagonisten und dem Drehort des Films, dem Potsdamer Einsteinturm von Erich Mendelsohn. Der Film: Caligari und der Schlafwandler (Caligari and the Sleepwalker), 2008 (BrotfabrikKino 18.09., 19.00 Uhr)
Das Werk von John Bock spielt mit der Nähe von Pathos und Parodie. Sein Stummfilm Im Schatten der Made verbindet das Bock'sche Universum auf höchst abgründige und amüsante Weise mit der Ästhetik des expressionistischen Stummfilms. John Bock, Im Schatten der Made, 2010, 70', Deutschlandpremiere ehem. Stummfilmkino, 16.09., 21.30 Uhr, BrotfabrikKino, 17. und 18.09., 19.00 und 21.00 Uhr
Paweł Ksiąźeks, Silent Utopia 01 (József Fischer, House on Szépvölgyi Avenue, Budapest, 1935), 2008, oil on canvas, 140x160 cm and Babel, 2008 video loop 5 min. 9 sec., found footage based on Metropolis, Fritz Lang, 1925), found footage© the artist, courtesy ZAK I BRANICKA Gallery, Berlin
Javier Téllez
Caligari und der Schlafwandler (Caligari and the Sleepwalker), 2008
Still aus Videoinstallation
Produziert für "Rational/Irrational", Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 2008
Courtesy der Künstler & Galerie Peter Kilchmann, Zürich